"From Dusk Till Dawn" - von der Dämmerung bis zum Morgengrauen - beschreibt den eher ungewöhnlichen Arbeitsrhythmus, welchem sich Silvia Gertsch, geboren 1963 in Bern und Xerxes Ach, geboren 1957 in Esslingen a.N., verschrieben haben. Seit nunmehr 10 Jahren leben und arbeiten die beiden Künstler zusammen in Zürich.

Die zu nächtlichen Stunden, im Schein von Neonlicht entstanden Arbeiten könnten in ihren malerischen Ansätzen kaum unterschiedlicher sein: Silvia Gertschs Arbeiten sind figurativ und in der Technik der Hinterglasmalerei geschaffen, Xerxes Achs Gemälde sind abstrakt und mit Eitempera auf Baumwolle gemalt.

Über das bedingungslose Bekenntnis zur Malerei, von beiden in ihrem jeweiligen Feld zur Perfektion verfeinert und mit elaborierter Technik ausgeführt, ergänzen sich die Arbeiten und führen in der gemeinsamen Präsentation einen subtilen Dialog.

"Beide verstehen die Farbe als Energieträger und damit als nahe verwandte des Lichts. Dieses schwingt sich in den neuen Arbeiten zum Protagonisten auf. In Xerxes Achs Werken verströmt es über das Bildgeviert hinaus in den Raum und temperiert ihn. In Silvia Gertschs Werken bekundet sich das Licht eher als innerbildnerischer Akteur. Es entkörperlicht die Figuren und hebt sie aus dem unmittelbar alltäglichen Kontext ins traumartig Irreale, lässt sie erscheinen wie Tänzer ohne Schwerkraft." 1

Silvia Gertsch:

"Mein Thema ist immer das Licht. Mit Farbe Licht darzustellen. Nach den opaken Objekten (1992-1994), den Innenraumbildern (1995-1997) und den Nacht- und Nebelbildern (1998-2002), hatte ich Lust auf farbiges, teilweise übersteigertes Tageslicht.

Gefunden habe ich dieses Licht am Wasser. In intensiver, dreimonatiger Arbeit habe ich mit meiner Videokamera eine Unmenge von Impressionen gesammelt.

Die dieser neuen Werkreihe zugrunde liegenden Motive sind entstanden im Muribad in Bern-Eichholz, am Zugersee und schliesslich in Italien, in Nervi an der ligurischen Küste, wo ich einen Strand entdeckt habe, der mir eine sehr spezielle Gegenlichtsituation angeboten hat. Diese Videofilme sind für mich die Grundlage für die - wie ich sie nenne - "gesucht-gefundenen Bilder". Ich habe eine Idee und der Zufall spielt mir die Bilder zu, die ich aus stundenlangem ausdrucken der Videostills, den richtigen Moment suchend, bestimme. Es ist für mich wie ein déja-vu: ich kenne es, es ist mir vertraut, genau so wollte ich es. Die Figuren haben es mir wiedergebracht." 2

Ist es nicht gerade dieses déja-vu welches den Betrachter gebannt vor den neuen Werken von Silvia Gertsch verweilen lässt? Sind es nicht die eigenen Erinnerungen und Empfindungen die sich wieder einstellen, wenn man diese sommerlichen Szenen betrachtet? Man spürt die herrliche Kühle, die der Schatten des Baumes spendet, die letzten Sonnenstrahlen, welche die beiden Figuren wärmen, die - wohl schon leicht fröstelnd - am See verweilen. Man hört die Geräusche, das Plätschern des Wassers, das Kreischen der badenden Kinder, man hört die Ruhe, das Dösen, das Lesen.

"Silvia Gertsch ist ein künstlerisches Medium. Sie vermittelt zwischen Bildern, die in ihr vorhanden sind und die sie zu kenne scheint, und Bildern der äusseren Welt, die zufällig entstehen. Die Konstellation muss stimmen: das Wetter, gleissendes Gegenlicht, abendliche Dämmerung, die innere Disposition spielen eine Rolle. Es ist nicht leicht, das Richtige zu finden. Dass sie sich aber mit unfruchtbaren Szenerien abgibt, kommt nicht in Frage. Sie weiss, was sie sucht." 3

Sind die Motive nach stundenlangem Visionieren der Videobänder einmal gefunden, so werden Sie in der aufwändigen Technik der Hinterglasmalerei auf den Bildträger übertragen:

"Die Videostills (6,5 x 8 cm) werden mittels einer Photokopiermaschine auf Din A4 vergrössert und durch eine Plastikfolie geschützt, die an den Rändern mit gelben Klebestreifen abgedichtet ist. Sie ähneln bereits den fertigen Bildern en miniature. Zudem nehmen sie keinen Schaden, wenn im folgenden mit Farbe gearbeitet wird. Abgepackt und abgefüllt liegen sie wie Konserven bereit. (...) Längst hat sie Glasplatten in den gewünschten Grössen in Auftrag gegeben. Es handelt sich um nichtvergrünte Spezialgläser (crystal clear, 6 mm dick). Sie selbst reinigt die Gläser und schleift die Kanten. Dann überträgt sie die Motive mithilfe farbiger Filzstifte. Nach einem einfachen Multiplikationsschema wurde jedes Detail der Vorlage vergrössert, um es den Massen des neuen Bildträgers anzupassen. Die Vorzeichnungen stehen auf der Vorderseite des Glases und dienen der auf der Rückseite aufgetragenen Malerei als Orientierung." 4

Das Arbeiten in Öl erlaubt es Silvia Gertsch, ihre Motive in längeren Phasen zu entwickeln, "Sie malt sich die Farbe hinter der Glasplatte entgegen, nicht in der Manier der volkstümlichen Hinterglasmalerei, sondern in der alten Tradition der Alla-prima-Freskomalerei. Farbe mischt sich in Farbe, nass in nass." 5

Xerxes Ach:

"Wer Xerxes Achs Werke vorschnell als monochrom bezeichnet, der verkennt sie. Das Gegenteil trifft eher zu: Xerxes Ach ist ein polychromer Maler, er orchestriert seine Bilder mit den Mitteln des polyphonen Komponisten." 6

"Colorscapes" bezeichnete der Künstler eine frühe Werkreihe: Zahlreiche Kunstharz- und Pigmentschichten legte er, oftmals in komplementären Kontrasten, auf verschiedene Bildträger wie Packpapier, planen oder zerknautschten Aluminiumblechen.

Diese frühere Werkreihe ist der Ausgangspunkt einer langjährigen, akribischen Recherche eigentlicher Farbräume oder atmender Farbkörper. "Paintings" nennt Xerxes Ach seine neuen Bilder lakonisch. Den Malprozess betonend hat die traditionelle Leinwand in sein Werk Eingang gefunden.

Nach Versuchen mit einer Acrylemulsion, in welche er seine Farbpigmente einrührte, experimentiert der Künstler seit nunmehr zwei Jahren mit pigmentierter Eitempera auf Baumwolle. Stärker noch als in seinen früheren Arbeiten bleibt der Malprozess in der neuesten Werkreihe in mehrerer Schichten sichtbar. Dem Umgang mit dem Rand kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu: "Der Bildrand, der in früheren Arbeiten als äusserste Linie einer Bildfläche wahrgenommen wurde, wird nun ins Bildgeviert hineingeklappt, womit er eine neue, eigene Qualität erhält. Das Bild besteht aus einem Rand, der als separater Teil der untersten Bildschichten ausgespart wurde, und einem darin eingeschlossenen Bereich. Die Farbe dieses Bandes verhält sich konträr zu jener, vom zentralen Bereich des Bildes zu seinen inneren Rändern hin ausgebreiteten Farbtons, und verunmöglicht so einen harmonischen Gesamteindruck. So wird etwa die Arbeit deren Mittelfeld aus der Farbkombination Violett-Dunkelgrün-Blau besteht von einem organgefarbenen Rand umgeben. Die dadurch entstehende Brechung der Farben erzeugt ein anhaltendes Flimmern. Verstärkt wird dieses durch die Abstufungen der übrigen Farben. Bildlich gesprochen, funktionieren diese ähnlich wie der Anblick eines Kalten Bergsees, dessen Ränder von einem Smaragdgrün in ein verwaschenes Blau mit dunklen Schlieren bis zu einem zentralen Schwarzviolett übergehen. Damit evoziert Xerxes Ach ein Farbkontinuum." 7

Xerxes Ach generiert seine Farbpalette aus Geographischen Magazinen und Büchern. Dabei spielt das Abgebildete, der Ort, z.B eine Berg-, Wüsten- oder Meereslandschaft keine Rolle. Es sind die Details, die ihn fesseln: farbige Zonen und Klänge, die er in seine Werke zu übertragen sucht. Farbschicht um Farbschicht trägt er auf den vor ihm auf einem Tisch liegenden Bildträger auf, bis er den gesuchten Farbton trifft.

Die Ausstellung dauert vom 21. August bis 4. Oktober 2003.
Galerie Jamileh Weber, Waldmannstrasse 6, 8001 Zürich, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 16 Uhr und auf Vereinbarung.

Hinweis: Unter dem Titel "From Dusk Till Dawn" erscheint im Atelier Verlag, Bern eine Monographie zu Silvia Gertsch und Xerxes Ach, 200 Seiten, gebunden mit Textbeiträgen von Tobia Bezzola und Prof. Norberto Gramaccini (Silvia Gertsch), Simon Baur und Gerhard Mack (Xerxes Ach). Texte in Deutsch und Englische (Übersetzung: Fiona Elliott). Aus diesem Anlass findet am Donnerstag, den 2. Oktober von 18-20 Uhr eine Buchvernissage in der Galerie Jamileh Weber statt.

Für weitere Informationen und Bildmaterial kontaktieren Sie bitte die Galerie,
Telefon: +41-1-252 10 66,
Telefax: +41-1-252 11 32,
info@jamilehweber.ch,
www.jamilehweber.com

1 Angelika Affentranger-Kirchrath: Malerei ins Licht geholt - Silvia Gertsch und Xerxes Ach in Zürich, Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2002, S. 44 - Zürcher Kultur
2 Bemerkungen von Silvia Gertsch zu Ihren neuesten Arbeiten
3 Prof. Norberto Gramaccini, aus "Die Hand Spricht zum Kopf, idem sie die Seite Wechselt", Essay im Buch "From Dusk Till Dawn", Atelier Verlag, Bern 2003
4 ebenda
5 Konrad Tobler: Lichtbilder, Katalogtext Kunsthalle Burgdorf, 1998, S. 37
6 Angelika Affentranger-Kirchrath: Malerei ins Licht geholt - Silvia Gertsch und Xerxes Ach in Zürich, Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2002, S. 44 - Zürcher Kultur
7 Simon Baur, Essay im Buch "From Dusk Till Dawn", Atelier Verlag, Bern 2003